Informationskompetenz als Preparedness
Desinformation erkennen und handeln
Die Kosten für täuschend echte KI-Fälschungen gehen gegen Null – doch weder Bildung noch technisches Wissen schützen zuverlässig vor Täuschung. Im Forschungsprogramm T3D am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) wird deshalb erforscht, welche Strategien hierbei effektiv vor Desinformation im Alltag schützen können und welche Rolle dabei die Informationskompetenz spielen kann.
Öffentliche Diskurse stehen unter dem Eindruck punktueller Shocks (disruptive Krisen) sowie schleichender Stresses (chronische Systembelastungen). Während Shocks kurzfristig erschüttern, schwächen Stresses langfristig die Adaptionsfähigkeit von Individuen, Organisationen und Institutionen. Dies gefährdet Solidarität, Systemvertrauen und die demokratische Entscheidungsfähigkeit.
Zu den meistdiskutierten Stressoren in modernen Demokratien gehören unbeabsichtigte Mis- und intentionale Desinformation. Sie stellen nicht nur im Rahmen hybrider Kriegsführung ein Problem dar, sondern bedrohen die Demokratie direkt, indem sie etwa horizontal zu gegenseitigem Misstrauen und vertikal zu einer Erosion des Vertrauens in demokratische Institutionen führen. Auch gesellschaftliche Polarisierung und in der Folge eine Vertiefung von Gräben zwischen Gruppen können durch Desinformationen angeheizt werden. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Transformation digitaler demokratischer Diskurse“ (T3D) am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) untersucht diese Dynamiken und erarbeitet Gegenmaßnahmen. Die Synthese aus informatischer Systemanalyse und kommunikationswissenschaftlicher Forschung zu Nutzung und Verarbeitung von Information ermöglicht vielversprechende Interventionsansätze. Der Förderung von Informationskompetenz kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.
Zu den Schwerpunkten der Forschungsgruppe gehört die Rolle von generativer künstlicher Intelligenz (GenAI) bei der Herstellung, Verbreitung sowie der Entdeckung von Desinformation. Während die Kosten für die Synthese glaubwürdig wirkender Artefakte stark abnehmen, steigt die kognitive Belastung des Einzelnen bei der Medienrezeption massiv. Damit erhöht sich die Gefahr unerwünschter Effekte auf allen Ebenen. Das umfasst etwa Vorverurteilung, extreme Meinungen und Demokratieskepsis für Einzelne, Entsolidarisierung und Polarisierung in unversöhnliche Gruppen für die Gesamtgesellschaft und Behinderung von Kompromissen und Koalitionen im politischen Raum.
Einschlägige Inhalte können durch Akteur*innen oder zunehmend auch KI als Desinformation identifiziert und verfolgt werden, aber wir können sie nur schlecht aufhalten. Gegenmaßnahmen in Form von Richtigstellungen erreichen nicht notwendigerweise alle Rezipienten einer Desinformation; weder Alter noch formale Bildung und technologische Kompetenz schützen vor Täuschung. Vielmehr hängt es von der emotionalen Betroffenheit und einer möglichen Identitätsbedrohung durch die Informationen ab, ob jemand Des- oder Misinformation glaubt oder weiterverbreitet.
Am vielversprechendsten im Kampf gegen Desinformation erscheinen konkrete Bildungsmaßnahmen zur Informationskompetenz. Die Informationskompetenz ist ein in der Bibliothekswissenschaft entwickeltes Konzept, das den angemessenen Umgang mit Quellen und Informationen sehr breit versteht. Es umfasst dabei mehr als die klassische Medienkompetenz: Sie setzt nicht primär auf Faktenwissen und endet nicht bei der Fähigkeit zur Quellenkritik. Es reicht nicht, typische Fehler in KI-generierten Bildern zu erkennen; vielmehr muss hinterfragt werden, mit welchen Absichten durch welche Akteure Desinformationen verbreitet werden. Das können Akteure mit Manipulations- oder Irritationsabsicht sein, etwa andere Staaten oder inländische politische Akteure. Weiter umfasst Informationskompetenz einen verantwortungsvollen Umgang mit GenAI; hier haben auch Menschen mit hoher Vorbildung Defizite. So haben Untersuchungen gezeigt, dass diese Gruppe zu unreflektiertem Umgang mit GenAI neigt.
Drei Strategien erhöhen die eigene Informationskompetenz besonders:
- Verifizierung von Informationen: Überprüfung von Inhalten oder der Quelle selbst (z. B. per Suchmaschine oder Wikipedia), um deren Verlässlichkeit einzuschätzen und im Zweifel den Ursprung einer Information nachzuvollziehen.
- Prebunking: routinehafter Abruf bekannter Manipulationsmuster vor dem Kontakt mit möglichen Des- oder Misinformationen im medialen Raum.
- Epistemische Hygiene: systematische Anwendung von Filter-, Verifikations- und Bereinigungstechniken, um die Integrität des eigenen Überzeugungssystems vor Falschinformationen zu schützen. Dies erfordert Verhaltensregeln im Alltag, etwa die Implementierung einer strikten Reaktionssperre (Innehalten beim Auftreten emotionaler Trigger vor dem Weiterleiten) oder die Bereinigung des eigenen Nachrichtenportfolios um reine Affekt-Quellen.
Das sechsköpfige Team hinter dem Forschungsprogramm T3D im Austausch.
Ohne individuelle Bereitschaft und gesellschaftliche Anpassung wird eine zunehmende Durchdringung des gesellschaftlichen Informationsökosystems mit Desinformation nicht zu verhindern sein. Allerdings zeigen sich zunehmend gangbare Interventionsmöglichkeiten in Erwachsenenbildung und Politik:
- Mikrointerventionen, zum Beispiel durch Integration von Maßnahmen in den persönlichen und den beruflichen Kontext, sind nachhaltiger als Kurse. Dies setzt bei simplen Regeln (z. B. kein unmittelbares Weiterleiten alarmierender Nachrichten) ein und geht bis zur aktiven Gestaltung des Informationsumfelds durch Führungskräfte, etwa durch die gezielte Einordnung und Entschärfung unsicherer Informationen im Arbeitsalltag.
- Ausbildung breiter, generalisierter Anwendungskompetenz durch Vermittlung eines systematischen Verständnisses (etwa bezüglich der stochastischen Natur von GenAI: Generierung von Plausibilitäten statt Fakten).
- Schaffung digitaler Infrastrukturen, die nicht an der Verbreitung von Desinformationen partizipieren, etwa weil sie nicht von Verweildauer profitieren.
- Entpolitisierung der Förderung von Informationskompetenz.
Informationskompetenz dient somit der gesellschaftlichen Preparedness und dadurch auch der Erhöhung von Resilienz. Die Komplexität des heutigen Desinformationsgeschehens kann zu einem anhaltenden Pessimismus führen und dadurch Verharmlosung oder Resignation bedingen; umso dringender ist es geboten, mit Optimismus auf die Interventionsmöglichkeiten zu blicken, die nicht nur eine Abwehr von Desinformationen erlauben, sondern sich als mächtige Werkzeuge in der Informationsgesellschaft darstellen.