Krisen spielerisch meistern?

Das Serious Game Krisopolis

Stromausfall, Lockdown, verschmutztes Trinkwasser: In der digitalen Stadt Krisopolis führt man seinen Avatar durch Katastrophenszenarien. Serious Gaming zeigt, wie Krisenvorsorge spielerisch gelingt.

Gute Krisenvorsorge kann im Ernstfall einen entscheidenden Unterschied machen. Voraussetzung dafür ist, dass seriöse Handlungsempfehlungen die Bevölkerung bereits vor einer Krise erreichen. Solche Empfehlungen werden häufig in Form von textbasierten Handreichungen aufbereitet, zum Beispiel als Flyer oder Broschüren wie die des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) oder auch multimedial, z. B. in Form von Warnapps oder Webvideos.

Das LOEWE-Zentrum emergenCITY hat sich hingegen bewusst entschieden diese Informationen anders aufzubereiten: Im Dezember 2025 veröffentlichte das Forschungszentrum Krisopolis, ein Serious Game, das Strategien zur Krisenvorsorge niedrigschwellig und spielerisch vermitteln soll. Krisopolis ist als kostenlose App für Android und iOS erschienen und richtet sich an Menschen, die durch die bisherigen klassischen Informationsangebote kaum erreicht werden: sei es aus Zeitgründen oder weil sie sich als jüngere Zielgruppe bislang nicht spezifisch genug angesprochen fühlen.

Für diese Zielgruppe haben emergenCITY Forschende gemeinsam mit Studierenden der TU Darmstadt die fiktive Stadt Krisopolis entworfen: Katastrophen wie Stromausfälle, Lockdowns oder verschmutztes Trinkwasser gehören hier zum simulierten Alltag. Spielende treffen vor jeder Runde Vorsorgeentscheidungen und erleben anschließend unmittelbar, welche Folgen diese für ihre Spielfigur haben. Ziel des Spiels ist es, die grundlegenden Bedürfnisse des Avatars zu beachten: Ausreichende Vorräte an Lebensmitteln und Trinkwasser sind überlebenswichtig, ebenso müssen Gesundheit und Wohlbefinden im Blick behalten werden.

Die Spielenden werden im Spielverlauf immer wieder in Situationen gebracht, in denen sich Ausprobieren und Ideenreichtum über die Zeit zu gezielten Vorsorgestrategien entwickeln. Wer z. B. einmal einen Mangel an sauberem Wasser erlebt, der stattet seinen Charakter ab der nächsten Spielrunde anders aus. So werden Spielende mit verschiedenen Situationen aus realen Katastrophenszenarien konfrontiert und übertragen die Erkenntnisse bestenfalls auch in ihren Alltag. Sie laden sich beispielsweise eine Warnapp runter, machen sich Gedanken um ihren eigenen Notvorrat oder erinnern sich in tatsächlichen Krisensituationen an ihre kreativen Lösungen aus dem Spiel. Zusätzliche Informationen des BBK für die persönliche Krisenvorsorge sind über integrierte Ingame-Links abrufbar.

Screenshot aus dem Serious Game "Krisopolis".

Neben individuellen Vorsorgestrategien kommt der nachbarschaftlichen Gemeinschaft in Krisopolis eine entscheidende Rolle zu. Spielende können andere Krisopolis-Bewohnende besuchen, um sich mit ihnen zu unterhalten und mit ihnen Gegenstände zu tauschen. Die Nachbarschaft besteht aus NPCs, also computergesteuerten Figuren. Sie sind individuell gestaltet und liefern im krisengeplagten Alltag durch humorvolle Dialoge auch psychische Entlastung für den eigenen Avatar. Durch die Interaktionsmöglichkeiten sollen die Spielenden erkennen, dass soziale Netzwerke in der Krise eine nicht zu unterschätzende Ressource sind.

Seit der Veröffentlichung hat Krisopolis knapp 2.000 Downloads erreicht (Stand August 2026). Rückmeldungen aus Messevorstellungen und Playtests während der finalen Entwicklungsphase zeigen, dass insbesondere die Pixel-Art-Grafik und die Interaktionsmöglichkeiten unterschiedliche Altersgruppen ansprechen. Es dauert zwar manchmal einige Runden bis die Spielenden feststellen, dass die Bewohnenden von Krisopolis gemeinschaftlich Krisensituationen bewältigen können, welche grundlegende Ausstattung sinnvoll ist oder welche komplexen Auswirkungen ein Stromausfall haben kann. Dadurch entsteht jedoch ein hoher Wiederspielwert zum strategisch-kreativen Ausprobieren der Spielmechaniken, um doch noch an fehlende Items zu kommen oder die Zufriedenheit ihres Avatars in einem passablen Bereich zu halten.

Die Idee, dass Menschen mit Krisopolis individuelle Vorsorgestrategien spielerisch selbst entwickeln und auch ausprobieren, scheint in der Praxis zu funktionieren. Viele Spielende berichten, dass sie so an ganz konkrete Aspekte der Krisenvorsorge herangeführt wurden: „Haben wir eigentlich einen Wasservorrat zu Hause?“ und „Was ist eigentlich ein Kurbelradio?“. Der Transfer von im Spiel gemachten Erfahrungen in den eigenen Alltag erfolgt laut Befragungen während der Testphase insbesondere im Folgegespräch – sei es zwischen Eltern und Kindern oder auch unter Erwachsenen.

Um solche Gesprächsanlässe gezielt und häufiger zu schaffen, arbeitet emergenCITY aktuell an einem Konzept, das Krisopolis in den Schulunterricht einbindet. Mit einem ergänzenden Kartenset zu den Charakteren, Ausstattungsgegenständen und Krisenereignissen soll eine Möglichkeit für Lehrkräfte geschaffen werden, das Spiel hybrid und fächerübergreifend im Unterricht einzusetzen. Mit dem Zusatzmaterial lassen sich gesellschaftliche und technische Aspekte des Bevölkerungsschutzes im Klassenverband diskutieren, während die Lernenden sich eigenständig in der digitalen Umgebung ausprobieren können. Auch der Einsatz zu spezifischen Projekttagen ist für eine breite Altersgruppe ab Ende der Grundschule denkbar.

Die ersten Auswertungen zeigen: Serious Gaming stellt auch beim Thema Krisenvorsorge eine passende Methode dar, um die ernsten Inhalte spielerisch und digital zu vermitteln. Durch die vielfältigen Handlungsmöglichkeiten im Spiel wird die Neugierde der Zielgruppe geweckt, was auch den Wiederspielwert erhöht. Gleichzeitig regen die gesammelten Erfahrungen aus dem Spiel dazu an, verschiedene Aspekte der Krisenvorsorge auch altersgruppenübergreifend im realen Leben zu reflektieren.

Über emergenCITY

Bei emergenCITY arbeiten Wissenschaftler*innen verschiedenster Disziplinen – von Informatiker*innen über Maschinenbauer*innen bis hin zu Historiker*innen oder Architekt*innen – zusammen an einem Thema: der Resilienz digitaler Städte. Seit 2020 forscht das an der TU Darmstadt ansässige Zentrum an Ideen und Lösungen, die die Funktionsfähigkeit von Städten mit digital vernetzten Infrastrukturen in Extremsituationen, Krisen und Katastrophen sicherstellen sollen. Ein Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf dem Einsatz von Serious Games und der Frage, wie diese als Methode in der Krisenprävention und Vermittlung von Forschungsideen und -ergebnissen für die Bevölkerung eingesetzt werden können.

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