„Train while you act“

4 Fragen an: Oberst i.G. Prof. Dr. Manuel Schulz

Wie bereitet man Erwachsene auf Krisen vor, die sich nicht vorhersehen lassen? Beim 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr ging es um genau diese Frage. Manuel Schulz, Leiter des Zentrums für technologiegestützte Bildung (ZtB) der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, erläutert, was die zivile Erwachsenenbildung aus dem Konzept „Train while you fight“ mitnehmen kann.

Herr Professor Schulz, „Resilienz als Bildungs- und Gesellschaftsauftrag“ war ein Themenfeld des Kongresses. Welchen konkreten Beitrag kann speziell die zivile Erwachsenenbildung hierzu leisten?

„Gebildet im Sinne der Erwachsenenbildung wird jeder, der in der ständigen Bemühung lebt, sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu verstehen und diesem Verständnis gemäß zu handeln.“ (Deutscher Ausschuss 1960, S. 20)

Diesem Verständnis liegt die Annahme zugrunde, dass sich der Mensch in der fortwährenden Auseinandersetzung mit sich selbst, der Gesellschaft und der Welt entwickelt. Bildung befähigt ihn dabei, Zusammenhänge zu verstehen, Positionen kritisch zu reflektieren, begründete Urteile zu bilden und selbstständig sowie verantwortungsbewusst zu handeln.

Erwachsenenbildung hat einen gesellschaftlichen Auftrag, den Nordrhein-Westfalen bereits 1953 gesetzlich verankert: Sie sollte über reine Wissensvermittlung hinausgehen und „mitbürgerliche Verantwortungsfreude“ wecken.

Hierin liegt zugleich ihr wesentlicher Beitrag zur gesellschaftlichen Resilienz: Sie bereitet Menschen nicht lediglich auf konkrete Krisenlagen vor, sondern befähigt sie, Informationen kritisch einzuordnen, mit Unsicherheit umzugehen und auch unter veränderten oder nicht vorhersehbaren Bedingungen begründet, selbstständig und verantwortlich zu handeln. Resilienz wird damit zum Bildungs- und Gesellschaftsauftrag, der Mündigkeit, Handlungsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme miteinander verbindet.

Sie waren auf dem Kongress Teil des Panels „Resilienz zwischen System und Subjekt: Interdisziplinäre Perspektiven auf demokratische und technologische Transformationen“. Welche speziellen Perspektiven ergeben sich vor diesem Hintergrund für die Resilienz der Zivilgesellschaft?

Die technologische und gesellschaftliche Transformation erhöht Menge, Komplexität und Veränderungsgeschwindigkeit von Informationen und kann so zu Verunsicherung und Überforderung führen. Gesellschaftliche Resilienz erfordert daher die Fähigkeit, Entwicklungen kritisch einzuordnen, Chancen und Risiken zu erkennen und Veränderungen reflektiert und verantwortungsbewusst (mit)zugestalten. Ein zentraler Bildungsauftrag besteht dabei in der Förderung demokratischen Denkens und Handelns, um Menschen zu einer mündigen, selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu befähigen.

Mein didaktischer Ansatz verkürzt theoretische Inputphasen zugunsten handlungsorientierten Lernens mit inkludierten Reflexionsanteilen. Fachliche, soziale und politische Kompetenzen sowie Überblicks- und Vernetzungswissen werden im konkreten Handeln miteinander verbunden. Durch praktisches Anwenden, Entscheiden und Reflektieren im Sinne einer integrativen Didaktik (Schulz, 1996) stärkt eine reflexive Erwachsenenbildung so die Urteils-, Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit auch unter komplexen und unvorhersehbaren Bedingungen.

Der Kongress hat den „Lessons Learned“-Ansatz selbstkritisch hinterfragt, weil er bei plötzlichen Krisen nicht mehr ausreicht. Was kann die Katastrophenvorsorge mit Blick auf die Erwachsenenbildung außerhalb der Bundeswehr daraus ableiten?

Angesichts zunehmend dynamischer und unvorhersehbarer Krisen stößt ein ausschließlich nachgelagerter „Lessons Learned“-Ansatz an Grenzen. „Train while you fight“ (TWYF) erweitert diesen um eine kontinuierliche Reflexion und Anpassung bereits im laufenden Handeln. Grundlage bildet das Modell der „vollständigen Handlung“ (Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten), ergänzt um kriteriengeleitete Reflexionsschleifen vor und nach dem Informations- und Handlungsprozess. Gute Ergebnisse haben wir in Unterrichtsversuchen mit zusätzlichen „Stop-and-go-Reflexionen“ in den Handlungsphasen gemacht. Dabei handelt es sich um gezielte Unterbrechungen einer Handlungsphase, um das bisherige Vorgehen kritisch zu reflektieren, Entscheidungen und deren Konsequenzen zu bewerten und das weitere handeln bei Bedarf situationsgerecht anzupassen.

Im Mittelpunkt steht nicht die Vorbereitung auf jede denkbare Krise, sondern die Befähigung, auch unter Unsicherheit selbstständig, situationsangemessen und verantwortungsbewusst zu handeln. Bildung und Handeln werden hierfür stärker verzahnt. Anknüpfend an Peter Dehnbostels „Lernen im Prozess der Arbeit“ (2007) wird Lernen als kontinuierlicher Prozess des Handelns, Reflektierens und Anpassens verstanden. Die eigenständige Bewältigung herausfordernder Situationen schafft zugleich Selbstwirksamkeitserfahrungen (Bandura, 1997) und stärkt die Überzeugung, auch unter veränderten und unvorhersehbaren Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Kann man den „Train while you fight“-Ansatz, also das Ausbilden nicht vor, sondern parallel zum Einsatz, auch auf die Zivilbevölkerung übertragen, und welche konkreten Kompetenzen würden Sie im Rahmen der Disaster Preparedness durch Erwachsenenbildung priorisieren?

Der TWYF-Ansatz, für die Zivilgesellschaft vielleicht besser als „Train while you act“ formuliert, kann natürlich auf die Zivilbevölkerung übertragen werden. Komplexität, Polykrisen und hybride Bedrohungen erfordern dabei eine kompetenzorientierte Aus-, Fort- und Weiterbildung, die insbesondere Entscheidungs- und Handlungskompetenz, Problemlösefähigkeit, Adaptionsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Ambiguitätstoleranz sowie Reflexions- und Medienkompetenz fördert. Im Mittelpunkt steht die Befähigung, auch unter Unsicherheit und Zeitdruck selbstständig, informiert und verantwortungsbewusst zu handeln. Reale Lernanlässe sowie KI-gestützte digitale Lern- und Trainingsräume können hierfür geeignete Erfahrungs-, Entscheidungs- und Reflexionsräume schaffen. Lehrende übernehmen dabei verstärkt die Aufgabe, auch unvorhersehbare Bildungsbedarfe und Unsicherheiten konstruktiv zu begleiten.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H.

Freeman.Dehnbostel, P. (2007). Lernen im Prozess der Arbeit. Waxmann.

Deutscher Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen (1960). Empfehlungen und Gutachten des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesens. Klett.

Schulz, M. (1996). Integrative Weiterbildung – Chancen und Grenzen. Konzeptionelle Überlegungen zur Integration allgemeiner, politischer und beruflicher Bildung. Luchterhand.

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