Radikalisierungsprävention als Aufgabe der Erwachsenenbildung
Reichsbürger, Querdenker, Verschwörungsideologien: Radikalisierung ist längst kein Jugendphänomen mehr. Isabel Lang erklärt, warum Erwachsenenbildung in der Prävention eine unterschätzte Rolle spielt und welche Chancen und Herausforderungen sich dabei ergeben.
Extremist*innen jeglicher Couleur nutzen gesellschaftliche Unsicherheiten und Krisen aus, um eigene Narrative zu vermitteln, zu spalten, zu polarisieren und dadurch Anhänger*innen zu gewinnen. Dies können etwa globale Krisen wie das Corona-Virus, Kriege wie derzeit in der Ukraine oder auch langfristige polarisierende Konflikte wie im Nahen Osten sein, aber auch lokale gesellschaftspolitische Diskussionen und Entwicklungen können Personen verunsichern. Zudem können auch ganz individuelle Lebenskrisen dazu führen, dass Menschen in Filterblasen wie etwa von Verschwörungsmytholog*innen hineingeraten, wie Pohl und Wiedemann (2025) dies etwa für die Generation der über 50-Jährigen anschaulich aus ihrer eigenen Beratungspraxis verdeutlichen. Das Themenfeld Radikalisierung Erwachsener, Prävention und Deradikalisierung ist dabei aktuell noch kaum erforscht und valide Daten zu den Altersstrukturen der verschiedenen Szenen sind selten vorhanden. Eine Ausnahme bilden Daten aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin (Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, 2022, 2023, 2025; Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen, 2019; Senatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin, 2017).
Radikalisierte Erwachsene – Radikalisierung im Erwachsenenalter
Das Thema Radikalisierung, deren Prävention und Personen als Adressat*innen extremistischer Propaganda werden aktuell immer noch fast ausschließlich mit Fokus auf junge Menschen betrachtet (Fiebig & Köhler, 2019, S. 28; Friedrich, 2025, S. 2). Bei der Analyse der Altersstrukturen etwa der Reichsbürger- und Selbstverwalter-Szene und auch der sogenannten Querdenker fällt jedoch ein (überwiegender) Anteil älterer Menschen auf (Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, 2021a, 2021b; Müller & Hebbelmann, 2024, S. 8). Ferner haben sich diese Personen häufig erst im späteren Alter radikalisiert (ebd.). Auch andere extremistische Szenen wie etwa der Islamismus sind hinsichtlich ihrer Altersstruktur (und nicht nur in dieser Hinsicht) divers und bestehen bei weitem nicht nur aus jungen Menschen (Friedrich, 2026; Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, 2022, 2023, 2025). In Baden-Württemberg sind ferner ca. 10 % der Linksextremist*innen älter als 60 Jahre (Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, 2024).
Ein ganz entscheidender Faktor der Radikalisierungsprävention im Erwachsenenalter, den diese vom Jugendalter unterscheidet, ist die Erreichbarkeit der Zielgruppe. Während junge Menschen v. a. auch durch die Schule erreicht werden können, die von allen Menschen aller gesellschaftlichen Schichten besucht werden muss, ist dies im Erwachsenenalter nicht mehr der Fall und Radikalisierungsprävention wird damit zu einem wichtigen Themenfeld der Erwachsenenbildung.
Aktuelle Projekte in der Praxis
Der beschriebene Bedarf wird bereits von mehreren Initiativen aufgegriffen, so etwa durch das Projekt RAGE zur Radikalisierung von erwachsenen Personen und deren Prävention. Hier wird seit April 2025 innerhalb von drei Jahren ein Extremismuspräventionskonzept für Ältere entwickelt, erprobt und Praktiker*innen zur Verfügung gestellt. Dieses legt den Fokus auf Rechtsextremismus. Das von Projektkoordinator Dennis Hebbelmann durchgeführte Projekt wird im Rahmen des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) Programms „Bildung und Engagement ein Leben lang“ durch das BMBFSFJ und durch die EU über den ESF Plus gefördert. Es strebt eine zielgruppengerechte Prävention für ältere Menschen an, bei der diese selbst als Expert*innen für ihre Situation einbezogen werden und das Programm mitgestalten. Zudem sollen auch Fachkräfte eingebunden werden, um das Programm durchzuführen oder in ihr Ausbildungsprogramm aufzunehmen (Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen, o. J.).
Ein ganz entscheidender Faktor der Radikalisierungsprävention im Erwachsenenalter, den diese vom Jugendalter unterscheidet, ist die Erreichbarkeit der Zielgruppe
EU-weite Einblicke in den Status quo der Altersgruppe liefert das ab 2023 durchgeführte Projekt SMIDGE (Social Media Narratives: Addressing Extremism in Middle Age), das sich damit beschäftigt, wie etwa Verschwörungsmythen und Desinformation mit einem Fokus auf die Gruppe der 45- bis 65-Jährigen verbreitet werden. Das EU-geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt SMIDGE wird in Belgien, Dänemark, Italien, dem Kosovo, auf Zypern und in Großbritannien durchgeführt (SMIDGE, o. J.). SMIDGE befasst sich mit der Anziehungskraft schädlicher Social-Media-Inhalte auf die benannte Altersgruppe. Zielsetzung ist hierbei, zu einem informierteren und resilienteren digitalen Umfeld beizutragen, indem Medienschaffende, Sicherheitsbeauftragte und politische Entscheidungsträger*innen durch entsprechende Empfehlungen und aufbereitete Inhalte informiert werden (ebd.). SMIDGE forscht und dokumentiert nicht nur, sondern bietet auch zahlreiche Bildungsangebote wie Webinare, MOOC-Plattform, Podcasts, Reports und Videos mit Counter-Narrativen an (ebd.).
Hervorzuheben ist auch das Weiterbildungsangebot des Violence Prevention Networks und des Interdisziplinären Zentrums für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung e. V. (IZRD), die im Projekt „NetzHelden 60+“ Menschen ab 60 Jahren in ihrer (digitalen) Handlungskompetenz im Umgang mit verschwörungsideologischen und rechtsextremistischen Narrativen sowie in der Gestaltung demokratischer (Online-)Sozialräume stärken wollen. Sie sollen als Multiplikator*innen für ihr Online-Umfeld ausgebildet werden (IZRD, o. J.). Der Schwerpunkt dieses Fortbildungsprojektes liegt auf dem Erkennen rechtsextremer und verschwörungsideologischer Narrative: Die Teilnehmenden lernen, diese sicher einzuordnen und gewinnen dabei Medienkompetenz und kommunikative Sicherheit. Zudem entwickeln sie Strategien, um auf solche Aussagen zu reagieren und digitale Räume mitzugestalten. Dadurch werden Teilnehmende zu vernetzten Multiplikator*innen, um sich gemeinsam online für demokratische Werte einzusetzen (ebd.).
Handlungsräume
Aktuelle Projekte beziehen sich v. a. auf die Bereiche Rechtsextremismus, Verschwörungsmythen und Desinformation. Auch wenn Verschwörungsmythen und Desinformation phänomenübergreifend sind, fehlen konkrete Angebote etwa im Islamismus, Linksextremismus und Extremismus mit Auslandsbezug oder auch weitere phänomenübergreifende Projekte. Aktionsräume ergeben sich beispielsweise an Orten, an denen ohnehin schon politische Bildung für Erwachsene erfolgt, wie etwa an Volkshochschulen. Auch die Landeszentralen und die Bundeszentrale für politische Bildung thematisieren den Bereich Radikalisierung und könnten hier einen größeren Schwerpunkt auf Erwachsene legen. Zudem würden sich Träger, die bereits Prävention für junge Menschen anbieten, dazu eignen, ihr Angebot zu erweitern und ihr Know-how einzubringen. Gefragt sind jedoch auch Betriebe und Behörden: Die Studie „Unternehmen in Verantwortung!“ stellt etwa fest, dass jede*r dritte Beschäftigte in Deutschland bereits rechtsextreme Einstellungen am Arbeitsplatz wahrgenommen habe, wobei nur jede*r Fünfte von einem Unterstützungsangebot bzw. einer Fortbildung im Unternehmen berichtete (Fresen & Klatt, 2024, S. 4, 29). Für die Prävention von Radikalisierung sind beispielsweise Kompetenzen wie das Bewerten von Informationen und Nachrichten im Online-Bereich in Bezug auf Fake News wichtig.
Dabei müssen auch Angebote für die Lehrenden mitgedacht werden, die in der Erwachsenenbildung tätig sind. Das Citizen-Science-Projekt „Brandmauern im Bildungswesen“ dokumentierte 2025 bereits 54 Fälle, in denen rechte Akteure versuchten, Einfluss auf Bildungsangebote und -einrichtungen zu nehmen – von Störungen und Drohungen gegen Kursleitende bis zu Unterwanderungsversuchen als Kursleitende selbst (Grotlüschen et al., 2025). Besondere Herausforderungen werden weiterhin sein, wie man die Zielgruppen erreichen kann, insbesondere die, die auch aktuell Weiterbildung seltener in Anspruch nehmen (können). Dies sind insbesondere bildungsferne Personen, aber auch Personen hohen Lebensalters (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2026, S. 228). Da viele Szenen durch einen hohen Männeranteil gekennzeichnet sind, könnten hier spezielle pädagogische Angebote für Männer höheren Lebensalters sinnvoll sein. Dabei muss auch anerkannt werden, dass ein Teil bereits radikalisierter Personen durch pädagogische Angebote der Erwachsenenbildung eher schwer erreichbar ist – hier sind ergänzend Aussteigerprogramme gefragt, die flexibel für unterschiedliche Altersgruppen konzipiert werden sollten. Somit kann ganzheitlich gedachte Radikalisierungsprävention als Thema der organisierten Erwachsenen- und Weiterbildung ein wichtiger Aspekt von Demokratie- und Resilienzförderung und der Vorbereitung auf gesellschaftliche Krisen sein.
Literaturverzeichnis
Literaturverzeichnis
Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026). Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. https://www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2026/pdf-dateien-2026/bildung_in_deutschland_2026_web.pdf
Fiebig, V. & Köhler, D. (2019). Taten, Täter, Opfer. Eine Studie der Reichsbürgerbewegung auf der Grundlage einer Presseauswertung. https://d-nb.info/1197626867/34
Fresen, S. & Klatt, V. (2024). Unternehmen in Verantwortung! Umfrageergebnisse zu Rechtsextremismus in der Arbeitswelt – Herausforderungen und Handlungsbedarf. Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e. V. https://www.gesichtzeigen.de/wp-content/uploads/2024/06/studie_unternehmen-in-verantwortung_gesichtzeigen_2024.pdf
Friedrich, B. (2025). Leerstelle (R)Age? Radikalisierung in der zweiten Lebenshälfte als Herausforderung für die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. dist[ex] Policy Paper, (1), 1–8.
Friedrich, B. (2026). ALTERnative Perspektiven? Islamistischer Extremismus jenseits der Adoleszenz. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/infodienst/576160/alternative-perspektiven-islamistischer-extremismus-jenseits-der-adoleszenz/
Grotlüschen, A., Cafantaris, K. & Buddeberg, K. (2025). Brandmauern im Bildungswesen. Zur Zerbrechlichkeit makrodidaktischer Strategien gegen rechte Einflüsse nach dem Tabubruch im Bundestag. SSRN. https://ssrn.com/abstract=5280203
Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen (o. J.). RAGE Prävention – Radikalisierung im Alter effektiv entgegenwirken. https://www.kircheundgesellschaft.de/institut/fachbereiche/frauen-maenner-vielfalt/artikel-fachbereich-iii/gendersensible-paedagogik/rage-praevention/
IZRD – Interdisziplinäres Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung e. V. (o. J.). NetzHelden 60+. https://www.izrd.de/de/netzhelden60plus.html
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2021a). Rechtsextremismus | Reichsbürger und Selbstverwalter. Alters- und Geschlechterstruktur unter Rechtsextremisten und „Reichsbürgern". https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/9301184
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2021b). Rechtsextremismus | Reichsbürger und Selbstverwalter. Stabile Geschlechterverteilung, leicht steigendes Durchschnittsalter: ein aktueller Blick auf demografische Daten von Rechtsextremisten und „Reichsbürgern". https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Meldungen+und+Archiv/Stabile+Geschlechterverteilung_+leicht+steigendes+Durchschnittsalter_+ein+aktueller+Blick+auf+demografische+Daten+von+Rechtsextremisten+und+Reichsbuergern
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2022). Islamismus. Die Sozialdaten der salafistischen Szene in Baden-Württemberg. https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Sozialdaten+Salafismus+BW+2022
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2023). Islamismus. Sozialdatenanalyse 2023 zum Salafismus in Baden-Württemberg. https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Meldungen+und+Archiv/Sozialdatenanalyse+2023+zum+Salafismus+in+Baden-Wuerttemberg
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2024). Linksextremismus. Die linksextremistische Szene in Baden-Württemberg: Zusammensetzung und Aktionsschwerpunkte. https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Meldungen+und+Archiv/Strukturdatenanalyse+Linksextremismus
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2025). Islamismus. Männlich, Mitte 30, politisch motiviert: Strukturdatenanalyse zum Salafismus in Baden-Württemberg. https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Meldungen+und+Archiv/Strukturdaten+Salafismus
Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen (2019). 2. Lagebild Salafismus NRW.
Müller, T. & Hebbelmann, D. (2024). RAGE BW – Rechtsextremismus im Alter als Gefahr für Engagement und Zusammenhalt in Baden-Württemberg. Projektbericht. https://www.researchgate.net/publication/380733933_RAGE_BW_-Rechtsextremismus_im_Alter_als_Gefahr_fur_Engagement_und_Zusammenhalt_in_Baden-Wurttemberg_PROJEKTBERICHT
Pohl, S. & Wiedemann, M. (2025). Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen. Vandenhoeck & Ruprecht.
Senatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin (2017). Hintergründe zu den Angehörigen des salafistischen Spektrums in Berlin. Lageanalyse.
SMIDGE – Social Media Narratives: Addressing Extremism in Middle Age (o. J.). Social Media Narratives: Addressing Extremism in Middle Age. https://www.smidgeproject.eu/