„Im Ernstfall mehr Handlungssicherheit“

weiter bilden spricht mit Mechthild Jorgol

Die Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt steht angesichts unklarer politischer Entwicklungen aktuell vor großen Herausforderungen. Umso erfreulicher ist, dass aus dem Bundesland in ganz anderer Sache ein Impuls kommt, der Schule machen könnte: Bildungspraxis und (abtretende) Landesregierung haben Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge zum Gegenstand einer expliziten förderpolitischen Vereinbarung gemacht. Was es damit auf sich hat, fragte Herausgeber Peter Brandt bei Mechthild Jorgol nach, der Geschäftsführerin im Landesverband der Volkshochschulen Sachsen-Anhalt e. V.

Peter Brandt: Frau Jorgol, seit diesem Frühjahr gibt es eine institutionalisierte Kooperation zwischen den Volkshochschulen Ihres Landes und der Landespolitik zu Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge. Wie kam es zu dieser Vereinbarung?

Mechthild Jorgol: Der erste Impuls kam tatsächlich aus den Volkshochschulen. Erfahrungen etwa mit Hochwasserereignissen oder auch der Coronapandemie haben gezeigt, dass Fragen der Notfallvorsorge für die Menschen eine ganz praktische Bedeutung haben und dass es hier einen Bildungsbedarf gibt. Dieser Impuls wurde aus unseren Netzwerken auf Arbeitsebene an das Innen- und das Bildungsministerium herangetragen. Dort wurde die Bedeutung des Themas ebenfalls gesehen, und so kamen wir relativ schnell zu der gemeinsamen Frage: Wie können wir einen Rahmen schaffen, in dem solche Angebote fachlich fundiert und gleichzeitig pädagogisch gut und ansprechend umgesetzt werden können?

Welche Ziele enthält die Vereinbarung und wie ist die Umsetzung konkret geplant?

Das gemeinsame Ziel ist, an den Volkshochschulen in Sachsen-Anhalt Bildungsveranstaltungen zu Selbstschutz und Notfallvorsorge anzubieten. Wir wollen Menschen sensibilisieren und sie vor allem dazu befähigen, sich auf mögliche Not- und Krisensituationen vorzubereiten und im Ernstfall handlungsfähig zu sein. Dabei bringen die Partner ihre jeweiligen Stärken ein. Das Innenministerium bringt die fachliche Expertise ein und unterstützt unter anderem bei der Vermittlung von Fachleuten. Wir als Landesverband koordinieren das Themenfeld innerhalb der Volkshochschulen, geben Informationen und Materialien weiter und organisieren den Erfahrungsaustausch. Das Bildungsministerium übernimmt eine wichtige koordinierende Funktion, vernetzt die beteiligten Akteure und unterstützt dabei, das Thema in bestehende Bildungsstrukturen einzubinden. Genau dieses Zusammenspiel ist für uns eine große Stärke der Kooperation: Fachliche Expertise im Bevölkerungsschutz trifft auf pädagogische Kompetenz und auf die flächendeckenden Strukturen der Volkshochschulen.

Das Bundeskabinett hat am 20. Mai 2026 Eckpunkte für einen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ beschlossen, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius vorgestellt haben. Da werden vor allem Schulen als Orte der Bildung für Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge in den Blick genommen. Dass es wie in Sachsen-Anhalt eine Kooperation zwischen einem Bundesland und einem Weiterbildungsträger dazu gibt, erscheint mir einzigartig. Wissen Sie von vergleichbaren Aktivitäten auf Bundes- oder Landesebene? Welche Rolle kann und sollte die Weiterbildung in dem Aufgabenfeld spielen?

Wir sprechen nicht umsonst vom lebenslangen oder lebensbegleitenden Lernen. Bildung hört nicht mit dem Schulabschluss oder der Berufsausbildung auf. Deshalb sehen wir hier ganz klar auch eine Aufgabe für die Erwachsenenbildung. Bei Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge geht es schließlich um sehr praktische Fragen: Was tue ich bei einem längeren Stromausfall? Wie erreiche ich verlässliche Informationen? Was sollte ich zu Hause vorrätig haben? Wie verhalte ich mich bei Hochwasser, Feuer oder Unwetter? Das ist Wissen, das grundsätzlich für Menschen jeden Alters relevant sein kann.

Alltagstaugliches Wissen und konkrete Handlungskompetenz

Und genau da haben die Volkshochschulen eine besondere Stärke: Sie sind nah an den Menschen, flächendeckend präsent und niedrigschwellig zugänglich. Wir erreichen Erwachsene in ganz unterschiedlichen Lebensphasen und können fachliche Informationen so vermitteln, dass daraus alltagstaugliches Wissen und konkrete Handlungskompetenz werden. Wir sehen auch, dass das Thema inzwischen über Sachsen-Anhalt hinaus stärker in den Blick genommen wird. Andere Landesverbände und auch unser Bundesverband beschäftigen sich damit, und es entwickeln sich weitere Formate und Kooperationen zwischen Bevölkerungsschutz und Erwachsenenbildung. In Sachsen-Anhalt haben wir mit unserer Vereinbarung bereits einen sehr konkreten Rahmen für eine solche Zusammenarbeit geschaffen.

Ist die Kooperation für die Volkshochschulen auch mit zusätzlichen Ressourcen aus dem Landeshaushalt hinterlegt?

Die Kooperationsvereinbarung schafft hier einen wichtigen Rahmen. Sie ermöglicht ausdrücklich, die Veranstaltungen nach den Bestimmungen des Erwachsenenbildungsgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt zu fördern. Die Volkshochschulen können diese Angebote also in ihre reguläre Bildungsarbeit integrieren und dafür die bestehenden Fördermöglichkeiten nutzen.

Wie werden die ersten Kurse angenommen?

Grundsätzlich sehen wir, dass die Angebote wahrgenommen werden. Gleichzeitig sammeln wir gerade wichtige Erfahrungen damit, welche Formate besonders gut funktionieren. Und da ist durchaus pädagogisches und kommunikatives Geschick gefragt. Unser Ziel ist es, für das Thema zu sensibilisieren und den Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, sich ganz konkret mit der Frage auseinanderzusetzen: Was bedeutet Vorsorge eigentlich für mich und meinen Alltag? Dafür müssen die Angebote kompakt, alltagstauglich und ansprechend sein – und sie müssen zu den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort passen. Sehr gute Erfahrungen machen wir zum Beispiel mit Formaten, die in Aktionstage gemeinsam mit Blaulichtorganisationen eingebunden sind. Dort wird das Thema praktisch und unmittelbar erlebbar, und die Menschen kommen ganz selbstverständlich damit in Berührung. Man darf sich aber auch nichts vormachen: Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge sind keine klassischen Wohlfühlthemen. Dahinter stehen reale Gefahren und Krisensituationen. Das schafft eine gewisse mentale Hürde, sich freiwillig damit auseinanderzusetzen.

Es geht uns nicht darum, Ängste zu erzeugen

Umso wichtiger ist die Art und Weise, wie wir darüber sprechen. Wie ich vorhin schon sagte: Es geht uns nicht darum, Ängste zu erzeugen. Wir möchten Menschen vielmehr einladen, sich zu informieren und die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken – und zwar bevor sie dieses Wissen tatsächlich brauchen. Im Grunde ist es ein bisschen wie bei einer Versicherung: Man sorgt vor und hofft gleichzeitig, dass man sie nie in Anspruch nehmen muss. Oder wie bei einem Feuerlöscher: Man hat ihn für den Ernstfall zur Hand und weiß idealerweise, wie man damit einen Entstehungsbrand bekämpfen kann – natürlich nur, wenn das ohne Eigengefährdung möglich ist. Genau dieses Verständnis von Vorsorge möchten wir vermitteln: sich mit möglichen Notsituationen auseinanderzusetzen, ohne ständig in Sorge vor ihnen zu leben. Am Ende sollten die Teilnehmenden mit dem Bewusstsein nach Hause gehen: Ich bin besser vorbereitet, ich weiß, was ich tun kann, und habe dadurch im Ernstfall mehr Handlungssicherheit.

Welche Kompetenzen benötigen Programmplanende und Kursleitende? Wie können Sie als Verband deren Fortbildung unterstützen?

Gerade weil das Thema, wie eben beschrieben, sensibel ist, braucht es bei Programmplanenden und Kursleitenden beides: fachliche Sicherheit und pädagogisches Fingerspitzengefühl. Die Informationen müssen fachlich stimmen, aber ebenso entscheidend ist die Frage, wie man sie vermittelt. Eine wichtige Grundlage dafür ist unser Handlungsleitfaden „Gut vorbereitet in Krisen“ zur Umsetzung von Bildungsveranstaltungen im Bereich Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge in Sachsen-Anhalt. Er gibt den Volkshochschulen eine fachliche und zugleich pädagogische Orientierung für die Entwicklung ihrer Angebote. Gleichzeitig ist uns die Eigenständigkeit der einzelnen Volkshochschulen sehr wichtig. Sie kennen ihre Regionen, ihre Teilnehmenden und die Gegebenheiten vor Ort am besten. Deshalb integrieren sie die Angebote eigenverantwortlich in ihre Programme und entscheiden selbst, welche Schwerpunkte sie setzen und welche Formate vor Ort am besten funktionieren.

Was funktioniert gut? Wo gibt es vielleicht noch Hürden?

Wir als Landesverband unterstützen sie dabei mit Informationen und Materialien, mit fachlichem Austausch sowie mit Fortbildungs- und Vernetzungsmöglichkeiten. Und wir wollen natürlich auch aus den Erfahrungen lernen, die jetzt in den einzelnen Volkshochschulen gemacht werden. Was funktioniert gut? Wo gibt es vielleicht noch Hürden? Welche Formate bewähren sich? Dieser Erfahrungsaustausch hilft uns, die Angebote gemeinsam weiterzuentwickeln.

Dafür wünscht weiter bilden viel Erfolg und sagt danke für das Gespräch.

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