Lokale Preparedness

Wie geht die vhs mit (lokalen) Krisen um?

Stromausfall und Hitzewelle gleichzeitig: Der Landkreis Nienburg/Weser probt den Ernstfall, auch mit vhs-Personal im Krisenstab. Claudia Eckhardt illustriert, wie eine Bildungseinrichtung zur Vorsorge-Infrastruktur für die ganze Bevölkerung wird.

Ein längerfristiger flächendeckender Stromausfall, verbunden mit einer Hitzewelle – dieses realistische Szenario wurde Ende Juni 2026 vom Katastrophenschutzstab des Landkreises Nienburg/Weser geübt – passend zu den tatsächlichen Temperatuen an diesem Tag. Verfügbarkeit und Einsatz von Stromaggregaten, drohende Evakuierungen von Nutztieren aus Ställen, Versorgungsengpässe in Pflegeheimen, sich ausbreitende Brände: Das vorbereitete Szenario war vielfältig.

Vertreter*innen vom Technischen Hilfswerk, dem Deutschen Roten Kreuz und dem regionalen Netzbetreiber Avacon sowie dem hauseigenen Veterinäramt waren in die Übung als Fachberater*innen eingebunden. Innerhalb einer Stunde waren Landkreisangestellte in sechs Stabsbereichen (S-Funktionen) unter einer Stabsleitung einsatzfähig:

  • „S1 – Personal und Innerer Dienst“ regelt den Kräftebedarf und die Versorgung des Stabes,
  • „S2 – Lage“ erfasst, analysiert und dokumentiert die aktuelle Gesamtlage und erstellt Lageskizzen und Prognosen,
  • „S3 – Einsatz“ plant und koordiniert alle konkreten Maßnahmen, damit die Verwaltung handlungsfähig bleibt,
  • „S4 – Versorgung“ organisiert und koordiniert den Nachschub notwendiger Materialien und Verbrauchsgüter,
  • „S5 – Presse- und Medienbetreuung“ koordiniert zentral die Öffentlichkeitsarbeit, betreut Medienvertreter*innen und beantwortet Presseanfragen,
  • „S6 – Information und Kommunikation“ stellt technisch und organisatorisch die Datenverbindung zwischen allen Ebenen durch Funk, Telefon und IT sicher.

Durch Übungen wie diese werden die Mitarbeitenden des Landkreises Nienburg, darunter auch eine Beschäftigte im Fachbereich vhs, auf den zielführenden Umgang mit Krisen vorbereitet und zunehmend in ihrer Reaktionsfähigkeit gestärkt. Doch was ist mit der breiten Öffentlichkeit? In Bezug auf die Vorbereitung auf (drohende) Katastrophen ist in der Bildungsarbeit auf jeden Fall Potenzial zum Aufbau gesellschaftlicher Resilienz und Krisenvorsorge. Eine Vernetzung von (Erwachsenen-)Bildungseinrichtungen sowie der öffentlichen Verwaltung ist dabei (nicht nur) im Katastrophenfall sinnvoll. Wie kann das konkret aussehen?

Stabsarbeit unter Realbedingungen: Im Kreistagssaal übte der Katastrophenschutzstab des Landkreises Nienburg den Ernstfall eines flächendeckenden Stromausfalls.

Einblick in den Bevölkerungsschutz, z.B. in die Aufgaben und Fähigkeiten der Feuerwehren und Hilfsorganisationen gehört als fester Bestandteil in das Angebotsportfolio einer vhs – in Präsenz, online und hybrid. Spätestens bei der nächsten, von der Bevölkerung als akut empfundenen Krise wird die Nachfrage wieder steigen. Bildungseinrichtungen sind in der Lage, Menschen gezielt in ihrer Selbsthilfefähigkeit zu stärken und damit auf außergewöhnliche Ereignisse vorzubereiten. So hat z.B. der Nienburger Hospizverein in Zusammenarbeit mit der vhs Informationsveranstaltungen angeboten. Vermittlung von Hintergrundwissen zu aktuellen Kriegsgeschehen wird durch Autor*innenlesungen und fachliche Inputs der vhs aufgegriffen, ebenso wird Raum für Diskussionen gegeben. Themen wie „Vorbeugung, Reaktion und medizinische Erstversorgung im Zivilschutz und Katastrophenfall“ oder „Eigenvorsorge, Warnung und Hilfeleistungssystem in Deutschland“ sind im Kursfinder der vhs aufgelistet. Im Landkreis Nienburg werden ab Herbst Themen zur Steigerung der Selbsthilfetätigkeit zusammen mit dem Fachbereich Bevölkerungsschutz des Landkreises Nienburg/Weser angeboten.

Dieser Fachbereich hat für die Bevölkerung einen Flyer herausgegeben, der „Hinweise für das Verhalten in Krisensituationen – Ratgeber für Bürger:innen“ gibt. Dieser wurde im Kreisgebiet flächendeckend verteilt und ist digital einsehbar (Informationen zum Bevölkerungsschutz | Landkreis Nienburg). Niedersachsenweit können Informationen unter der Landeswebseite Notfall-Monitor Niedersachsen | Portal Niedersachsen abgerufen werden. Es ist aber davon auszugehen, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen erreicht werden. Typische Probleme sind etwa Sprachbarrieren, die das Verständnis der Informationen erschweren, oder schlicht zu wenig Platz beziehungsweise finanzielle Mittel, um die empfohlene Menge an Vorräten anzulegen.

Erste Hilfe sowie Brandschutzerziehung werden durch Hilfsorganisationen und Firmen angeboten. Um nicht oder gering literalisierte Personen zu erreichen, wäre ein Kooperations-Angebot mit (Erwachsenen-)Bildungseinrichtungen in einfacher Sprache ein Mehrwert für alle Seiten. Die Sprachkursträger im Landkreis Nienburg/Weser sind durch eine Kooperationsvereinbarung und monatliche Treffen auf Einladung der Leitung des Bildungsbüros verbunden. Menschen mit Deutsch als (zu erlernender) Fremdsprache können u.a. über dieses Netzwerk erreicht werden. Podcasts zu unterschiedlichen Themen in verschiedenen Sprachen sind ebenfalls eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu informieren – womit sich der Kreis aus (Erwachsenen-)Bildungseinrichtungen, Kreismedienzentrum mit seinen technischen Möglichkeiten, der Kreisverwaltung und Hilfseinrichtungen schließt.

Abschließend lässt sich feststellen: Für Bildungseinrichtungen entstehen im Umgang mit Krisen vor allem dann große Potenziale, wenn diese ganzheitlich bedacht werden – sei es durch die präventive Schulung von Mitarbeitenden, die Vernetzung mit anderen lokalen Einrichtungen oder die Ausgestaltung des Angebots durch verschiedene Formate, mehrere Sprachen und über verschiedene Kanäle hinweg.

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