Stichwort

Disaster Preparedness

Katastrophen, Krisen, Notfälle: Die Begriffe verschwimmen, doch ihre Unterscheidung prägt die Vorsorge. Matthias Rohs erklärt, warum Disaster Preparedness mehr ist als Vorräte: eine Frage von Wissen, Routinen und der Verantwortung von Staat und Einzelnen.

Im Zusammenhang mit einer Zunahme von Katastrophen durch den Klimawandel, aber auch durch geopolitische Konflikte kommt der Erwachsenenbildung eine verstärkte Aufmerksamkeit im politischen Diskurs und der strategischen Planung des Bevölkerungsschutzes zu. Bei Katastrophen handelt es sich um schwerwiegende Störungen des Funktionierens einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, bei denen etablierte Ressourcen und Handlungsroutinen nicht mehr zur Bewältigung ausreichen. Sie sind mit erheblichen menschlichen, materiellen und wirtschaftlichen Auswirkungen verbunden und führen zu längerfristigen Störungen sozialer Ordnung. Demgegenüber sind Notfälle räumlich und sozial begrenzter, betreffen kleinere Gruppen von Personen oder der Bevölkerung und weisen eine geringere Komplexität auf. Dadurch sind sie auch mit eingeübten Verfahren zu bewältigen. Die Krise bewegt sich im Kontext des Bevölkerungsschutzes zwischen Notfällen und Katastrophen, da zwar die bestehenden Bewältigungsstrategien und -strukturen angepasst werden müssen, es aber zu keiner grundlegenden und anhaltenden Überforderung kommt. Die Begriffe Katastrophen und Krisen werden dabei im öffentlichen und medialen Diskurs häufig unscharf verwendet und entsprechende Phänomene darüber auch gesellschaftlich mitkonstruiert.

Katastrophen verweisen auf die Vulnerabilität von Einzelnen, Gruppen oder Gesellschaften. Sie kann als anthropologische Grundbedingung verstanden werden, womit sie stets in Relation zur jeweiligen Bedrohung und den verfügbaren Bewältigungsressourcen bewertet werden muss. Vulnerabilität ist daher nur in der Verbindung individueller, sozialer, institutioneller und politischer Dimensionen angemessen zu erfassen. Während Vulnerabilität das Ausmaß der Anfälligkeit und Schutzlosigkeit gegenüber Belastungen und Krisen bezeichnet, meint Resilienz die Fähigkeit, ebendiesen Belastungen zu widerstehen. Das bedeutet nicht nur eine Katastrophe zu überstehen und den Status quo wiederherzustellen (bounce back), sondern eine Katastrophe als Transformationsanlass zu nutzen und gestärkt und auf einem höheren Niveau der Bewältigungskapazität aus ihr hervorzugehen (bounce forward). Wurde Resilienz zunächst als individuelle Disposition konzipiert, wird der Begriff heute häufiger in einem breiteren Verständnis von Widerstandsfähigkeit sozialer Gruppen und Gesellschaften verstanden, wie es der Begriff der Community Resilience ausdrückt.

In diesem Zusammenhang kommt der Disaster Preparedness eine zentrale Rolle zu. Sie umfasst Maßnahmen zur Vorsorge, Vorbereitung und Sicherung von Handlungsfähigkeit bei Katastrophen. Dazu gehören sowohl strukturelle Maßnahmen (z. B. Hochwasserschutz) als auch Notvorräte (z. B. Lebensmittel, Wasser), Hilfsmittel (z. B. Kurbelradio, Campingkocher) und eingeübte Routinen und Fähigkeiten. Auch hier ist wiederum zwischen individueller und sozialer Vorsorge bzw. Vorbereitung zu unterscheiden, womit die Frage verbunden ist, wie Verantwortung zwischen individueller und staatlicher Ebene verteilt wird. Schon aufgrund des zu großen Teilen ehrenamtlich organisierten Bevölkerungsschutzes in Deutschland kommt der individuellen Vorsorge und Vorbereitung eine besondere Bedeutung zu. So ist auch im Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (ZSKG) festgelegt, dass behördliche Maßnahmen lediglich eine Ergänzung der Selbsthilfe der Bevölkerung darstellen. Selbsthilfe bezeichnet dabei die Fähigkeit, in einer Notlage ohne unmittelbare externe Unterstützung handlungsfähig zu bleiben – auch gestützt auf soziale Netzwerke und Unterstützungssysteme im unmittelbaren Umfeld. Sie ist eingebunden in das Konzept des Selbstschutzes als Gesamtheit der Fähigkeiten, Kenntnisse und Handlungsroutinen, die Individuen und soziale Gemeinschaften befähigen, sich in Gefährdungs- und Katastrophenlagen eigenständig zu schützen, Schäden zu begrenzen und handlungsfähig zu bleiben.

Selbstschutz betont dabei eine Verantwortungszuschreibung (Responsibilisierung) von Einzelnen und sozialen Gemeinschaften, im Katastrophenfall handlungsfähig zu sein, Risiken zu reduzieren und Schäden für sich und andere abzumildern. Die Voraussetzungen hierfür sind dabei in der Bevölkerung jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt. Auf individueller Ebene hängen diese Voraussetzungen u. a. von der Risikowahrnehmung, von Einstellungen und Überzeugungen im Umgang mit Risiken, von individuellen Fähigkeiten sowie der Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit ab. So können Menschen entweder allein auf die Hilfe des Staates vertrauen oder gerade nicht davon ausgehen, dass der Staat sie im Katastrophenfall unterstützt. Während Prepper ein mehr oder weniger problematisches Beispiel für Personen sind, die sich systematisch und eigeninitiativ auf Krisen, Katastrophen oder den längerfristigen Zusammenbruch gesellschaftlicher Infrastrukturen vorbereiten, gibt es auch Menschen, welche aus Angst vor möglichen Katastrophen jegliche Auseinandersetzung mit Vorbereitungsmaßnahmen verweigern. Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie transparent die Risikokommunikation gestaltet werden sollte.

Während dem Begriff der Krise im erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu Bildungs- und Lernprozessen eine zentrale Position zukommt, bleibt die Auseinandersetzung mit Katastrophen bislang begrenzt. Beide verweisen jedoch sowohl auf den konstitutiven Moment subjektiver Transformation, der den Erwerb neuer Handlungskompetenzen ermöglichen kann, als auch auf die Frage, welche Bildungsangebote und Lernumgebungen Menschen dazu befähigen, Krisen und Katastrophen zu bewältigen bzw. gestaltend auf sie zu reagieren.

Der Erwachsenenbildung kommt dabei nicht nur die Aufgabe zu, professionelle Einsatzkräfte sowie die allgemeine Bevölkerung […] zu unterstützen, sondern auch den gesellschaftlichen Diskurs zur Disaster Preparedness kritisch zu begleiten.

Der vor dem Hintergrund der ökologischen und Friedensbewegungen der 1970er Jahre genutzte Begriff der Katastrophenpädagogik zielte darauf ab, durch eindringliche Warnungen vor bevorstehenden ökologischen und nuklearen Katastrophen das Bewusstsein und praktische Engagement für Umweltschutz und Frieden zu motivieren. Allerdings erzeugte dieser Zugang eher Ohnmachtsgefühle als Handlungsbereitschaft, wurde daher als wissenschaftlich überzogen kritisiert und mündete schließlich in das konstruktivere Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Nationale Konzepte einer Notfall- und Bevölkerungsschutzpädagogik als auch internationale Ansätze einer Disaster Education sind bisher nur in Ansätzen entwickelt. Ebenso gibt es erst wenige Arbeiten zu einer theoretisch und empirisch fundierten Disaster Literacy. Auch in der Erwachsenenbildungspraxis gibt es bisher nur vereinzelt Angebote zur Disaster Preparedness, sodass Lern- und Bildungsprozesse zum Selbstschutz vor allem informell und autodidaktisch ablaufen. Damit eröffnen sich Gefahren für Des- und Fehlinformation, was eine kritische Prüfung der Inhalte erfordert.

Der Erwachsenenbildung kommt dabei nicht nur die Aufgabe zu, professionelle Einsatzkräfte sowie die allgemeine Bevölkerung bei der Aneignung eines notwendigen Wissens- und Kompetenzrepertoires im Umgang mit Katastrophen zu unterstützen, sondern auch den gesellschaftlichen Diskurs zur Disaster Preparedness kritisch zu begleiten.

Lernen kann dabei zeitlich als Kreislauf verstanden werden, in dem Erfahrungen aus einer Katastrophe die Grundlage für eine bessere Vorbereitung auf ein zukünftiges Ereignis bilden. Die Motivation für dieses vorbereitende Lernen hängt dabei u. a. von der Wahrnehmung der eigenen (möglichen) Betroffenheit, der Zugänglichkeit von Informationen sowie einer damit verbundenen Selbstwirksamkeitserwartung ab. Oftmals ist nach Ereignissen jedoch eine sogenannte „Katastrophendemenz“ zu beobachten, die zu einer nachlassenden Vorbereitung führt.

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