Editorial
Zuversichtlich
Letzte Woche im Ticker: Deutsche Sicherheitsbehörden sprechen von einer anhaltenden hybriden Angriffslage auf Deutschland, insbesondere durch Russland. Entspannung am Rhein: Pegel steigen wieder leicht an nach historischem Tiefstand Ende September und gravierenden Einbußen der Transportwirtschaft. Pestverdacht keimt auf in Sibirien nach dem Tod einer Laborantin. In Sachsen-Anhalt wird ein Landtagspräsident der AfD ins Amt gewählt.
Die Kette beunruhigender Nachrichten reißt derzeit und nicht nur hierzulande nicht ab. Der Rekurs auf die zurückliegende Woche ist dabei ein Beispiel, das beinahe beliebig austauschbar sein dürfte. Angst vor Naturkatastrophen oder Krieg rangiert zwar aktuell hinter wirtschaftlichen Sorgen (R+V-Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen 2026“), bleibt aber Teil einer Gesamtsituation, die fast neun von zehn Personen Grund zur Beunruhigung gibt und nur jedem Achten Anlass zur Zuversicht (ARD-Deutschlandtrend, 1. Oktober 2026).
Was bedeutet diese Situation für die Erwachsenen- und Weiterbildung? Sie kann ihre Aufgabe darin sehen, Menschen widerstandsfähiger zu machen, ihnen Orientierung zu geben. Sie kann Problemlöserinnen und Problemlöser ausbilden, die dem Eindruck entgegenarbeiten, die grundlegenden Herausforderungen unserer Zeit seien nicht zu bewältigen. Sie kann aber auch präventiv tätig werden, um Menschen handlungskompetent zu machen für den Ernstfall einer Katastrophe. Das meint Disaster Preparedness und davon handelt diese Ausgabe der weiter bilden, die ich zusammen mit Matthias Rohs verantworte.
Die Beiträge des Themenschwerpunkts leuchten ganz unterschiedliche katastrophale Szenarien erwachsenenpädagogisch aus: Situationen, die Zivil- und Bevölkerungsschutz erfordern wie Kriege und Naturkatastrophen, aber auch Pandemien oder kritische gesellschaftliche Eskalationen (Radikalisierung, Antisemitismus).
Bis dato ist Disaster Preparedness kein Leib- und Magenthema der Erwachsenen- und Weiterbildung. Aber in einer Situation, in der die Politik Schulen als Orte der Bildung für Bevölkerungsschutz und Notfallvorsorge in den Blick nimmt („Pakt für den Bevölkerungsschutz“ des Bundeskabinetts vom 20. Mai 2026), drängt sich die Frage gleichsam auf: Warum eigentlich nur die Schulen? Können Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die Menschen in allen Lebensaltern erreichen, nicht eine ebenso wichtige Rolle spielen, um Maßnahmen zur Vorsorge, Vorbereitung und Sicherung von Handlungsfähigkeit bei Katastrophen einzuüben? In Sachsen-Anhalt gibt es eine entsprechende Kooperation zwischen einem Bundesland und einem Weiterbildungsträger, wie wir im Interview lesen können.
Vor diesem Hintergrund sieht sich die aktuelle Ausgabe der weiter bilden als ein Beitrag zur Verbreiterung einer Debatte, die gerade erst aufkeimt. Wir laden ein zum Weiterdenken, zu Zuspruch und Widerspruch. Das geht besonders gut, weil die weiter bilden ab sofort ein rein digitales Fachmedium ist und leichter als früher digital gelesen, geteilt und kommentiert werden kann, beispielsweise im Rahmen der monatlichen digitalen Redaktionspost. Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben lange warten müssen auf diese Ausgabe. Aufgrund der Personalsituation in der Redaktion konnte der Relaunch nicht parallel zum laufenden Betrieb erfolgen, sondern erforderte eine halbjährige Pause im Erscheinen. Pünktlich zum 13.10., dem Internationalen Tag der Katastrophenvorsorge, ist die Ausgabe 1/2026 nun da. Sie wird die einzige ihres Jahrgangs bleiben, da wir die Erscheinungsweise auf zweimal jährlich umstellen.
Was erwartet Sie in der digitalen weiter bilden?
Es wird wie bisher in jeder Ausgabe einen Themenschwerpunkt geben, der Perspektiven aus Forschung, Praxis und Politik orchestriert. Bewährte Rubriken wie das „Stichwort“, das „Tafelbild“ oder die „Einblicke“ sind erhalten geblieben. Aus dem „Anblick“ ist die Bilderstrecke „Panorama“ geworden – an der Sie übrigens mitwirken können, indem Sie Bilder einsenden. Der „Lernort“ heißt jetzt „Neues aus Bad Bildungen“ und stärkt den ländlichen Raum, und für den Blick über den Tellerrand der deutschsprachigen Erwachsenenbildung gibt es eine neue Rubrik „Horizont“.
Neben den Texten in HTML finden Sie ab November 2026 die Hauptbeiträge auch als PDF-Varianten, um Ausdrucke zu ermöglichen und verschiedene Lesegewohnheiten zu bedienen.
Was Sie vielleicht vermissen werden: den Ticker mit Meldungen aus der Weiterbildungsszene und die „Neuen Medien“. Hier übernimmt künftig das Portal wb-web die Berichterstattung.
Zudem kooperieren wir ab sofort mit der schweizerischen Zeitschrift Education Permanente. Ziel der Kooperation ist es, den Leserinnen und Lesern wechselseitig zusätzliche Inhalte zur Verfügung zu stellen. Die beiden Medien bleiben wie bisher eigenständige Publikationen, werden aber aufeinander verweisen, wo sich inhaltliche Verbindungen ergeben. Schon beim Thema Krise und Katastrophe haben wir uns gut abgesprochen: Während in der weiter bilden Prävention als Aufgabe der Erwachsenen- und Weiterbildung im Zentrum steht, fokussiert die EP, wie Weiterbildungsinstitutionen mit Krisen umgehen können.
Der Relaunch als digitales Magazin wäre nicht möglich gewesen ohne den großen persönlichen Einsatz von Menschen, denen ich danken möchte. Zu nennen sind hier:
- die Redaktionsgruppe der Zeitschrift, die uns ermutigt hat, den Fokus auf Themenschwerpunkte zu setzen, und uns so geholfen hat, uns von der Aufgabe aktueller Berichterstattung zu verabschieden. Im Moment sind Sabine Schwarz und Stephan Kaps Mitglieder der Gruppe. Wir wollen hier bald weitere Personen berufen.
- die Grafikdesignerin Christine Lange, die der digitalen Publikationsumgebung ihren gestalterischen Stempel aufdrückt und so eine deutliche Kontinuität zur bewährten Optik schafft. Christine hatte seinerzeit im Auftrag des Verlags wbv Publikation das Designkonzept und den Satz der gedruckten Zeitschrift verantwortet.
- das Team der Zeitschrift Education Permanente, für die konstruktive Abstimmung über die Formen der Kooperation: Irena Sgier, Lynette Weber und Erik Haberzeth.
- eine gar nicht so kleine Gruppe Freiwilliger, die als konstruktiv-kritische Weiterbildungsfachleute auf Konzeptideen und Entwürfe geschaut und gute Ideen unterstützt und weniger gute ins Abseits befördert haben.
- das Team der DIE-Öffentlichkeitsarbeit, das uns den Weg zum Content Management System geebnet hat, und das Team der Agentur Blueshoe, die selbiges für unsere Bedarfe angepasst hat.
- das Team der Datenredaktion im DIE und Thomas Jung für die Klärung formaler publizistischer Fragen und das Tor zu SciFlow als PDF-Generator.
- und schließlich allen voran Redakteur Chris Nowacki, der es vermochte, die Metamorphose des Mediums mit unerschütterlichem Optimismus zu koordinieren, und immer den Blick für das Machbare behielt.
Überhaupt, Zuversicht: Meine Überzeugung ist, dass eine Erwachsenenbildung, die Menschen auf Krisen und Katastrophen vorbereitet, keine Panikmache betreibt, sondern – so gut es eben geht – Stabilitäten erzeugt und neuen Mut zum Blick nach vorn stiftet. Vielleicht leistet die neue weiter bilden ihren Beitrag dazu.